Januar 2009:
Holocaust-Überlebende zu Gast in der Hauptschule
"Plötzlich standen wir auf der Straße und waren frei", beschließt Erna de Vries, geborene Korn (85), die Erzählung ihres 22-monatigen Leidenswegs. Er endet in Mecklenburg. Dort befreien alliierte Soldaten den Treck aus den Händen der SS, die am 27. April 1945 das größte Frauenkonzentrationslager in Ravensbrück (Brandenburg) vor den Russen geräumt hat.
Stille bei den Schülern der Klasse 10 B an der Von-Zumbusch-Hauptschule. Eineinhalb Stunden haben sie und einige Mitschüler aus den Parallelklassen der Frau gelauscht, die mitihrer jüdischen Mutter Jeanette, geborene Löwenstein, Ende Juli 1943 aus Kaiserslautern ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert wurde. "Du wirst überleben und berichten, was man mit uns gemacht hat", sagte die Mutter, die am 8. November 1943 in Birkenau ermordet wurde, am 15. September 1943 ihrer Tochter zum Abschied.
Erna de Vries wurde einen Monat vor ihrem 20. Geburtstag in den Todesblock 25 verlegt. Aufgrund ihrer nicht mehr zu übersehenden eitrigen Wunden galt sie als nicht arbeitsfähig. "Ich betete: ‚Ich möchte noch einmal die Sonne sehen‘" und "Gott, wie du willst", verrät sie den jungen Menschen. Zusammengebrochen sei sie und weggestoßen worden. Sie habe gehört, wie ein Wächter ihre Häftlingsnummer rief, erinnert sich die Zeitzeugin. Eine Frau sagte ihr: "Du kommst nach Ravensbrück." Erna de Vries heute: "Da wusste sich, dass ich nicht ins Gas komme."
Ohne sichtbare Emotionen erläutert sie, warum. Ihr 1931 verstorbener Vater, selbstständiger Spediteur, war Protestant. Somit galt sie als Tochter im Nazi-Jargon als "Mischling ersten Grades" oder Halbjüdin, die mangels Arbeitskräften der Rüstungsindustrie zugeführt werden sollte. Für die Überlebende bedeutete das: hungern und schuften im Siemensblock. Eiskalte Schauer liefen den Zuhörern über den Rücken, als die heute 85-Jährige den linken Ärmel ihres Pullovers hochschob und die Tätowierung aus Birkenau zeigte, wie sie zurückblickte auf die morgendlichen Märsche vorbei an Krematorien und Bergen von Leichen zu einem Teich, aus dem die entkräfteten Frauen Schilf harken und stapeln mussten.
"Wie können sie danach in Deutschland leben?", fragte eine Schülerin. "Nicht alle Deutschen waren Nazis, aber die Andersdenkenden waren viel zu wenig", antwortet Erna de Vries. Rektorin Gudrun Mackensen dankte voller Respekt für den Vortrag und versicherte, das Thema werde weiter behandelt. Konrektor Armin Düpmeier hält diese Öffnung von Schule für wichtig gegen das Vergessen. Den Kontakt hatte Lehrer Hermann Rütter hergestellt, der eine Tochter de Vries‘ kennt.
Die Glocke / Mittwoch, 28. Januar 2009
